Mit dem Zug von Kochi nach Neu Delhi – 3000km
Die Zeit vergeht wie im Flug Zug (ok ok, überaus schlechtes Wortspiel, doch den frühen Morgenstunden und dem Einfluss von zwei drei vier Masala Coffees (Starker Kaffee – auf Chicoréebasis, vermengt mit Milch und einer Vielzahl von Gewürzen wie Ingwer, Chilli und Zimt = lecker!)) geschuldet, fiel mir jetzt auf die Schnelle nichts Besseres ein. Am Rande und ohne Bedeutung für den folgenden Text: Kaffee wird hier auch von Kleinkindern genüsslich konsumiert, da sehr süß und schmackhaft.
Fall du die vorhergehenden Beiträge, verständlicherweise TLTR (zu lang zum Lesen) fandest oder dir einfach nur die Bilder angeschaut hast, noch einmal ‘nen kurzer Abriss: Südindien beendet nach fast einem Monat (genug von Palmen, Strand und Meer), darum mit Ach und Krach das letzte Zugticket für den Nizamuddin-Super Fast Express (Express = Alles was > 60km/h) gebucht, warum ich jetzt im Zug hocke (im übertragenen Sinne, diesmal liege ich bequem in meinem eignen Bett).
Am 03.04.2012 ging es los, ich bestieg den Zug in Kochin, Kerala, wo er bereits 200km hinter sich hatte. Überpünktlich erreichte der Zug den rausgeputzten und gut organisierten Bahnhof, die selbst auf dem Dorf, auf Grund der übertriebenen Länge indischer Züge, enorme Ausmaße haben. Digitale LED-Anzeigen halfen mir meinen passenden Wagon mit der Nummer 1A zu finden.
Wieso ich solche Nichtigkeiten erwähne? Ich denke einfach, dass viele Leute ein falsches Bild von Indien haben, zu welchem ich sicherlich mit meinen Fotos noch mehr festigend beitrage. So empfing mich im Zug bereits der Schaffner persönlich mit meinem Namen, ebenfalls rausgeputzt mit Anzug, Krawatte und obligatorischem Stift in der Brusttasche (80% aller Männer tragen Stifte in der Brusttasche ihres Hemdes – ist wohl als Synonym für ihre Liebe zur übertriebenen Bürokratie und als Metapher für Autorität zu verstehen) und wies mir mein Bett zu. Notiz an mich selbst: Nie wieder “Upper-Bed” buchen, denn diese haben, kurz unter dem Zugdach gelegen, kein Fenster, dafür wärmt das Dach gut meine kleine Kabine auf, in der es sonst eisig kalt wäre, geschuldet der auf Hochtouren laufenden A/C (Klimaanlage). A/C ist eh so ein Ding für sich hier in Indien (bzw. ganz Südostasien?): Müssen die Teile IMMER auf -15°C eingestellt sein – ist das ein Ausdruck von Wohlstand, ich verstehe es nicht.

Wie gesagt: Die Zeit vergeht echt rasant, bereits 32 Stunden habe ich hinter mir, und habe mich nicht eine Sekunde gelangweilt.
Wieso?
1. Menschen (ich will nicht immer Inder sagen, das tönt abwertend) neigen tatsächlich dazu sich miteinander zu unterhalten, sind wahrhaft aneinander interessiert – nein, nicht nur an Ausländern, auch untereinander – tauschen mitgebrachte Snacks, Bücher und Magazine sowie Lebenswege aus. Ich glaube, selbst wenn es hier kein ausgezeichnetes Boardrestaurant gäbe, könnte ich mich die 3000km Fahrt einmal quer durch die Kabine fressen und dabei zweimal alle Spektren der verschiedenen regionalen Küchen ausprobieren – ohne je auch nur einmal danach zu bitten.
Mit dem Fortschreiten der Fahrt ändern sich zunehmend auch die Art der Menschen: Die sonnengebräunten Südinder werden immer mehr von Turbanen verdrängt (augenscheinlich Punjabs).
2. Kommen wir schon zum nächsten Punkt: Essen. Nicht nur wegen der Länge der Zugfahrt vom fast südlichsten Punkt Indiens hoch in den Norden zu den zarten Anfängen des Himalayas notwendig, sondern auch, weil es nach der Religion das zweitwichtigste Lebenselixier der Inder (habe ich das böse Wort doch wieder verwendet) ist. So wird hier FRISCH gekocht, in ganzen drei Küchenwagons. Eine andere Wahl hat Indian Railways m.M.n auch gar nicht, denn Inder haben ein EXTREM gutes Gespür für schlechtes Essen. Sollte uns zu denken geben.
Ungefähr zwei Stunden vor jedem Essen wird gefragt was man denn haben möchte. Zur Auswahl stehen meist zwei veg. und zwei non-veg. Gerichte. Die Fragerunde wird dann damit abgerundet, ob man am Platz oder im Restaurant speisen möchte. Ich wähle meinen Platz. Die Wartezeit wird mit unzähligen Runden Chai oder Coffee überbrückt. Preise bewegen sich auf den normalen Straßenpreisen: Kaffee -> 5 Rupien (8 Cent), eine vollwertige Speise -> 30 Rupien (45 Cent). Generell säuseln hier ununterbrochen Bahnangestellte rum, die frische Snacks und Zeugs anbieten.
3. Landschaft: Obwohl gut die Hälfte der Reise im Dunkeln stattfindet, konnte ich bereits jetzt verschiedene Vegetationzonen erblicken: Angefangen im Süden Tamil Nadus mit einem typisch subtropischen Dschungel, gefolgt von der Steinwüste in Andhra Pradesh und weiten Reis- und Baumwollfeldern. Aktuell offenbart sich mir durch die weit geöffneten Zugtüren die Steppe Madhya Pradeshs – nicht gerade ein fertiles Land (8. Klasse – Geografie, ich habe was behalten). Untermal von der indischen Musik, die aus 12 Stunden / Tag aus dem Handylautsprecher meines Kabinennachbars spielt – angenehm.

4. Internet: Naja, nach dem ganzen belanglosen “Rumgesülze” über “Menschen, Essen und Landschaft” was Ursprüngliches – Internet über das Mobilfunknetz. Denn dass funktioniert quasi ununterbrochen hier im Zug mit annehmbaren Geschwindigkeiten (mind. EDGE), auch wenn weit und breit nichts als Steine zu erblicken sind. Sollte uns zu denken geben zum Zweiten.
Die Zugfahrt kostete mich übrigens ganze 34 Euro (> mein 3 x Tagesbudget!), nicht billig, aber das ist mir der Luxus von Strom, gleich mehreren WESTLICHEN Toiletten und angenehmen Mitfahrern wert. Es ginge auch für weniger als 5 Euro, dann aber in der Holzklasse – weniger angenehm für drei Tage. Noch was zum falschen Bild: Fast jeder hier im Abteil hat ein iPad oder/und ist mit einem modernen Smartphone ausgestattet und ich reise nicht 1. Klasse! Wenn die Klimaanlage ausfällt gibt es übrigens – ohne Verhandeln 50% des Fahrpreises zurück. Das sollte uns der DB zu denken geben.
Heute Abend sollte ich dann in Neu Delhi einrollen, ich bin gespannt auf diese Stadt der Superlativen.
PS: Wer Bock hat, kann auch locker über 22.000$ (pro Person und Zugfahrt) ausgeben. Buchbar hier, dann jedoch mit mehreren eigenen 24-Stunden Dienern. So viel zur schwer begreifbaren Spektrum an Menschen- und Einkommensschichten.
PSS: Damit dieser Beitrag nicht so trocken daherkommt noch der aktuelle Charthit aus Indien – hörbar!